Kai Ehlers – Archiv Feature/Radio – Beispiel Nr.1
16.12.1990 – Hunger nach der Rekordernte – gewaltsam zur Demokratie? Hintergründiges zum politischen Alltag der Perestroika

▶︎

Take 1:
Einspielung aus der Demonstration gegen die Ryschkowregierung am 15.9. in Moskau (bis „Wastawku! Wastawku!, Schnitt nach der ersten Ausblendung bis zum Anfang der Ryschkowrede. Nach Sätzen von Ryschkow ausblenden.)

Autor:
Das war vor drei Monaten. Moskauer Innenstadt. Perestroika hat ihren Glanz verloren. 20 bis 30.000 Menschen demonstrieren unter einem Aufruf des Stadtsowjets gegen das von Gorbatschows gegenwärtigem Chefökonomen Abalkin vorgelegte Wirtschaftsprogramm der Ryschkowregierung. Hauptredner ist der neue Moskauer Bürgermeister Gawril Popow. Boris Jelzin ist ebenfalls als Redner angekündigt, läßt sich aber wegen Krankheit vertreten. Ministerpräsident Ryschkow soll seinen Sessel räumen. Auch Gorbatschow wird angegriffen. Man macht ihn und besonders Ryschkow verantwortlich für die Inflation, die Versorgungskrise, die neue Korruption, wirft ihnen vor, daß sie die notwendigen Reformen für den Freigabe der Marktwirtschaft verschleppen. Boris Jelzin ist der neue Hoffnungsträger. In 500 Tagen, hat er erklärt, will er durch das von einem seiner Vertrauten, Schatalin, ausgearbeitete radikale Privatisierungsprogramm das Tal durchschritten haben. Seine Porträts werden im Zug getragen.
Inzwischen droht die Versorgung in den Zentren zusammenzubrechen. Gorbatschow hat seinen erst vor einem Jahr berufenen liberalen Präsidentschaftsrat durch einen Notstandsrat ersetzt. Kürzlich erklärte KGB-Chef Krutschkow unter Berufung auf Gorbatschow im Fernsehen, der KGB werde alles tun, um den Zusammenbruch des Landes zu verhindern. Im Westen wurde zu Spenden gegen den drohenden Hunger in der UdSSR aufgerufen.
Hunger nach einer Rekordernte! Notstandsmaßnahmen zur Durchsetzung der Perestroika! Wie konnte es dahin kommen?

Hören wir eine Passage aus einem Brief, den Olga, Nachwuchsjournalistin an der Moskauer Zeitung „Moskowski Komsomolez“, (Moskauer Komsomol), mir Anfang Dezember schrieb:
Olga. „…Jetzt ist es in Moskau sehr schlecht. In den Geschäften gibt es riesige Schlangen und sonst nichts. Heute erfuhren wir, daß gegen Moskau eine Milchblockade abgekündigt wurde. Milch gibt es nur am frühen Morgen in firmeneigenen Geschäften. Und wenn bei uns ein Kleinkind lebt…?! Stell Dir vor: neun Landkreise haben die Belieferung Moskaus mit Milch aufgekündigt! Wenn Du diesen Brief bekommst, ist wahrscheinlich schon wieder alles ganz anders…“

Autor

Für eine Moskowiterin, selbst eine systenoppositionelle wie Olga, ist die Blockade seitens der Landkreise eine Ungeheuerlichkeit. Für westliche Ohren bedarf ihre Empörung näherer Erklärungen. Schauen wir uns also den sowjetischen Alltag genauer an, um besser zu verstehen, worum es geht.

Beispiel 1:
Eine Autostunde nördlich von Leningrad in Richtung Ladogasee z. B. liegt das Dörfchen Newskaja Dubrowka. Unsere Fahrt dorthin, zumal an einem regnerischen Septembertag, wird für mich als einen an belebte Landschaft gewöhnten Westeuropäer zum irritierenden Erlebnis. Menschenleere Straßen führen durch tote Gegend: ödes Land, verfallende Dörfer, in denen sich die Straße im Schlamm auflöst, keine erkennbare Infrastruktur. Bauruinen hier und da, aufgeschorftes Gelände, Feldfluchten ohne Menschen, Wiesen, genauer gesagt, Brachflächen ohne Tiere. Keine Kuh, kein Schaf, kein Federvieh.
Tiere kommen in der Gegend nur, man ist versucht zu sagen, fabrikmäßig organisiert vor. Sie werden in Milchanlagen der Kolchosen, in Mast- oder Legezentren gehalten. 80 Kühe gebe es in ihrem Bezirk, erklärt eine junge Mutter, die mit ihren beiden Kleinkindern in einem der Orte zu uns in den Wagen steigt, Milch könne sie aber im Dorfladen nicht kaufen, ebensowenig Quark oder Käse. Um Milch einzukaufen müsse sie nach Leningrad fahren. zwei Stunden hin und zwei zurück. In Leningrad gäbe es, wenn sie endlich ankomme, Milch nur noch in der Schlange, wenn überhaupt, also mit neuerlichem Warten. So ist es bei uns überall, schließt sie. Aus Warten besteht die Häfte unseres Lebens.

Autor
Die junge Mutter ist nur eine von Millionen Konsumpendlerinnen oder – pendlern, meist sind es die Frauen, die Tag für Tag über Einzugsbereiche von hunderten von Kilometern in die Zentren ziehen, um sich dort mit den Waren zu versorgen, von denen das Land, in dem sie leben, durch die bevorzugte Belieferung der großen Städte, besonders Moskaus und Leningrads, entblößt ist.
Die eigene Kuh, das eigene Schwein, überhaupt die Zulassung privater Bewirtschaftung eigenen Bodens wäre ein Ansatz zur Lösung des Problems. Aber auch nach fünf Jahren Perestroika hat sich die Unionsregierung noch nicht zu diesem Schritt entschließen können. Auch die Freigabe von Sowchos- oder Kolchosboden zur privaten Pacht, selbst die inzwischen von Boris Jelzin per „ukas“, also präsidentialer Verordnung, für die russische Republik gegebene Möglichkeit des privaten Kaufs von Grund und Boden bleibt eine taube Frucht, solange die übrigen Eigentumsverhältnisse nicht neu geregelt sind. Gegen die Monopole der Kolchosen und Sowchosen können sich private Betriebe, zumal im Anfangsstadium, wirtschaftlich nicht behaupten.
Der Moskauer Milchboykott zeigt im übrigen nur die Spitze des Eisbergs. Auch andere Waren werden zunehmend zurückgehalten. Nur zwei Wochen nach Olgas Brief berichteten Freunde aus Moskau, die mich besuchten:

Moskauer
„In den staatlichen Geschäften gibt es kein Fleisch mehr. Für Eier mußt du stundenlang anstehen. Schon am frühen Vormittag sind die Geschäfte einfach leer. Man ist dazu übergegangen, Hausfrauen, einen Tag in der Woche zum Einkaufen freizugeben. An diesem Tag brechen sie morgens um sechs auf, um eine Tour durch die Stadtteile zu machen. Am Abend kehren sie mit halbleeren Taschen nach hause zurück. Was immer möglich ist, wird gehamstert. Aber vorne herum gibt es kaum etwas. Du mußt die Läden von hinten kennen. Da kannst du alles bekommen. Oder die überhöhten Preise in den neuen Spezialgeschäften bezahlen, die in den letzten beiden Monaten wie Pilze hochschießen. Waren sind ja vorhanden, nur eben nicht in den staatlichen Läden.“

Autor
Sulev Mäeltsemees, stellvertretender Direktor der Akademie der Wissenschaften Estlands, seit den Wahlen Anfang des Jahres auch Stadtverordneter, den ich in im September des Jahres in Tallin aufsuchte, läßt uns die größeren, d.h. die unionsweiten Dimensionen erkennen, die sich hinter diesen Vorgängen verbergen.

Beispiel 2:
Sulev Mäeltsemees, Tallin
„`Moskau‘ tut alles, um das Land in Abhängigkeit zu halten“, erklärt Sulev Mäeltsemees. Dabei gehe es nicht nur um die offenen politischen Aktionen wie den littauischen Boykott. Beinahe schlimmer, weil politisch schwerer sichtbar zu machen, wögen die nicht öffentlichen Maßnahmen: Der Bankenboykott im Mai, bei dem die Unionsbanken nahezu den gesamten Geldverkehr in der esthnischen Republik lahmgelegt hätten. Keine Abrechnung, keine Investition, nichts habe man tätigen können. Moskaus Monopolismus sei ungebrochen. Der im Mai gegründete Block der in Estland angesiedelten Allunionsbetriebe, „Integral“, vereinige ca. 40% der Wirtschaftskapazität der Republik. „Die Betriebe dieses Blocks“, so Sulev Mäeltsemees, „führen ihren Gewinn nach Moskau ab, während sie hier die menschlichen und materiellen Ressourcen, die Infrastruktur, die Sozialstruktur usw. ausbeuten und dem Land die Kosten ihrer Produktion bis hin zu den ökologischen Verwüstungen auflasten.“
Weiter habe Moskau die Forderungen für Zahlungen Estlands an die Allunionsfonds erhöht und die Subventionspolitik zugunsten der Zentrale verschärft. „Wir produzieren z. B. für sieben Rubel pro Kilo Fleisch“, erläutert Sulev Mäeltsemees, „müssen es aber in Moskau für zwei Rubel in den staatlichen Läden verkaufen. Seit Chruschtschow ist die Rate der Abgaben an den Unionsfond jährlich gestiegen. Im estnischen Volksmund heißt es schon lange: `Wir ernähren die Hunde und Katzen Moskau’s mit unserem Fleisch‘.“ Jetzt habe die Zentrale die Abgaberaten für den Ernährungsfond gegenüber den Vorjahren sogar noch weiter erhöht. Ähnliches gelte für andere Produkte bis hin zu den Finanzen selbst. „Das“, schließt Sulev Mäeltsemees, „ist nicht mehr nur Ausbeutung. Das ist blanker Raub. Außerdem wird mit all diesen Maßnahmen natürlich jeder Ansatz für eine eigene Wirtschafts-, insbesondere Preispolitik im Keim erstickt, wenn es nicht gelingt, diese Strukturen zu sprengen.“

Autor

Die Erklärungen Sulev Mäeltesemees lassen den Hauptgegner der Umgestaltung in der UdSSR erkennen: die in Moskau zentralisierten bürokratischen Monopole, anders gesagt, und ein bißchen in die Geschichte gegriffen, den russischen Imperialismus in seiner staatssozialistischen Gestalt. Gorbatschow und andere mögen beschließen, was sie wollen. Bei den Monopolen liegt die tatsächliche Macht. Der Kampf wird um die Frage der Entmonopolisierung geführt. Entmonopolisierung, d.h. Dezentralisierung, Regionalisierung, Selbstverantwortung, Privatisierung. Die Frontlinie in diesem Kampf verläuft zur Zeit entlang der nationalen Frage.
In Tscheboksarie an der Wolga, Industriestadt im Herzen Zentralrußlands, 500.000 Einwohner, Hauptstadt der tschuwaschischen ASSR, der autonomen sozialistischen Republik, konnte ich diesen Prozess in status nascendi erleben.
Beispiel 3:
Tscheboksarie:
Bis vor kurzem galt Tscheboksarie, seiner Schwerindustrie wegen, noch als „geschlossene Stadt“, d.h. als Ort, den Ausländer nur mit besonderer Genehmigung betreten durften. Noch bei Anmeldung meiner Reise im September, wußte man auf dem Leningrader Paßamt nicht, ob ich dürfe oder nicht…
Tscheboksarie zählt mit unter die am schnellsten wachsenden Städte der UdSSR. Jedes Jahr kommen tausende Neuzuzüge aus der umliegenden Provinz hinzu, die vor der Öde, der Armseligkeit des Landlebens flüchten. Als entwurzelte, wie man in der UdSSR sagt, Lumpen hausen sie in den Vororten, von denen aus sich die gigantischen Wohnmaschinen gnadenlos ins Land fressen. 30 Jugendbanden machen sich gegenseitig und der Bevölkerung das Leben zunehmend zur Hölle.
Tscheboksarie hat heute ein exemplarisches Problem: Um den schnell steigenden Energiebedarf zu decken, entschieden das Moskauer Wasser- und Energiemenisterium vor ca. 15 Jahren, seinerzeit noch mit Zustimmung der örtlichen Bürokratie, flußabwärts von Tscheboksarie die Wolga für die Anlage eines riesigen Wasserkraftwerkes zu stauen. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts stieg der Wasserspiegel der Wolga um 5 Meter. Teile des alten Stadtkerns von Tscheboksarie wurden gnadenlos überspült. Die ehemaligen Wolgaraine versanken im Stausee. Die Umgebung versumpft zusehends. Trostlose Baumfriedhöfe wachsen von den neuen Ufern ins Land.
Angesichts dieser Folgen regte sich Protest. Ein Komitee „Rettet die Wolga“ bildete sich. Selbst die örtliche Bürokratie, die den heimischen „krasnaja ploschtschad“, den roten Platz, in den Stauseefluten untergehen sah, begann sich zu widersetzen. Man protestierte in „Moskau“. Aber „Moskau“, d.h. die Bürokraten im Wasser- und Energiemonopol, die von der Planung über die Realisierung des Profits bis zur ökologischen Kontrolle zuständig für das Projekt sind, blieben stur: zu den bisher in Betrieb genommenen drei Turbinen, sollen noch weitere 9 dazukommen. Das wären weitere fünf Meter Stauhöhe. Die städtebaulichen und ökologischen Folgen sind klar. Unübersehbarer Ausdruck dieses Kampfes zwischen „Provinz“ und „Moskau“ ist schon jetzt die Erstarrung von zig Quadratkilometern Fluß- und Stadtlandschaft in aufgeschürften Uferböschungen und brachenden Siedlungsflächen, in denen moderne Bauruinen zwischen verlassenen Altbauten vor sich hinrotten. Entscheidungen sind nicht in Sicht.
So wie Moskau Tscheboksarie, so drückt Tscheboksarie das umgebende Land ins Desaster. Stadt und Land stehen sich zunehmend feindlich gegenüber. Bauern, bzw. Landarbeiter werden nur als Zulieferer der Stadt verstanden. Kolchosen produzieren in riesigen Monokulturen, die einen Kartoffeln, die anderen Korn, die dritten Rüben oder Fleisch. Zerstörung der Felder, schlechte Produkte, mangelnde Arbeitsmotivation der Landarbeiter, geistige und kulturelle Verödung des Landes, exodusartige Landflucht sind die Ergebnisse dieser rücksichtslosen Industrialisierung der Landarbeit. Das Land stirbt. Die Stadt platz aus den Fugen.
Gegen die weitere Verwüstung des Landes entwickelt sich jetzt unter dem Stichwort der nationalen Widergeburt eine Rückbesinnung auf die tschuwaschische Tradition. Sie vereinigt die gegen „Moskau“ gerichtete Forderungen nach Dezentralisierung mit der Forderung nach kultureller Selbstbestimmung, konkret Gleichberechtigung von russischer und tschuwaschischer Sprache, sowie dem Kampf gegen die weitere Entwurzelung der Landbevölkerung und die Zerstörung der Umwelt. Wiedergeburt der Nation, Autonomie der Republik, Zulassung privater Initiative durch Zulassung von Marktwirtschaftlichen Prinzipien – das alles verbindet sich zu einer Opposititionsbewegung gegen „Moskau“, die tschuwaschische Nationalisten mit aufgeschreckten lokalen Bürokraten verbindet.
Auch Tscheboksarie ist nur ein Beispiel. Im Norden der tschuwaschischen ASSR, jenseits der Wolga erwacht die Mariskische, im Süden die tatarskische, und  – ihr benachbart – die moldawskische ASSR. Man will die Union nicht verlassen. Aber das Kürzel ASSR, autonome sozialistische Sowjetrepublik, möchte man um ein S für „sozialistisch“ und das zweite für „sowjetisch“ noch weiter verkürzen. Nationale Republiken, in denen Russisch und die jeweilige Nationalsprache gleichberechtigt nebeneinander existieren, mit autonomer Verfügung über die eigenen Ressourcen in einem föderativen Unionsvertrag – damit sind die demokratischen Ziele der Unabhängigkeitsbewegungen in dieser Gegend benannt. Nicht in der Politik Gorbatschows, der für die Interessen der Zentralgewalt steht, sondern in dem Unabhängigkeitskurs, den Boris Jelzin für die gesamte russische Republik gegenüber der Gesamtunion eingeschlagen hat, findet man sich deshalb politisch wieder. Auch in Tscheboksarie ist Boris Jelzin z. Zt. der erste Mann.

Autor
Wie gemäßigt die Bewegung der nationalen Widergeburt in einer Stadt wie Tscheboksarie aber auch auftreten mag, ist sie im Effekt doch gegen die Einheit der UdSSR in der jetzigen Form gerichtet und damit krisentreibend. Zwiespältig ist letztlich auch die Sympathie der nationalen Bewegungen mit Boris Jelzin. Heute steht sein Name für den Wunsch nach Unabhängigkeit von der Gigantomanie der Zetralgewalt. Morgen kann er der Gorbatschow der russischen Republik werden.
Wie groß auch der Wunsch nach Überwindung des Widerspruchs zwischen Stadt und Land sein mag, stehen sich Land- und Stadtproletariat nach fünf Jahren Perestroika doch eher unversönlicher gegenüber als früher.
Bezeichnend dafür ist die Position, die mir in der Person von Arkadi Aidak entgegentrat, Chef der Mustersowchose „Leninskaja Iskra“, Leninscher Funken, einflußreicher Präsident des tschuwaschischen Bauernverbandes und in diesen Eigenschaften 1989 mit großer Mehrheit in den obersten Sowjet der Union gewählt. Dort ist er Mitglied der Bauernkommission, die Gorbatschow in der Bauerpolitik berät.

Aidak Arkadi, Mustersowchose
„Leninskaja Iskra“, benannt nach der von Lenin begründeten Zeitung „Iskra“, Funken, erreichen wir nach zweistündiger abenteuerlicher Fahrt in einem uralten, Kohlendioxyd spuckenden, über die von Schlaglöchern zerrissenen Straßen mehr brechenden als fahrenden Kleinbus. Es geht durch die langen Wellen der Wolgalandschaft im nördlichen Teil der tschuwaschischen Republik. Was für eine Weite! Große Gefühle wollen sich einstellen, aber die drei vier Dörfer, die wir passieren müssen, rücken die Realität wieder ins Bild: windschiefes Bretterelend, hier und dort nackte Betonklötze, apathische Menschen. Früher müssen die Dörfer schön gewesen sein. Man sieht noch die Reste ehemaliger Malerei an manchem Holztor verwittern.
In Jadrin, einem etwas größeren Ort, machen wir Rast. Meine sowjetischen Freunde steuern auf die Ortskantine zu. Aber bevor ich eintreten kann, sind sie umgekehrt. Resigniert. Deprimiert. Betreten. „Unmöglich hier zu essen“, sagen sie. „Dreckig. Kein Fleisch.“ Sie wollen mich nicht einmal hineinschauen lassen.
Am Ortsausgang, dort, wo wo die Teerstraße wieder beginnt, finden sie dann ein Restaurant, das städtischem Standard entspricht, wie man ihn in Tscheboksarie gewohnt ist. Entsprechend die Preise. Hier springen uns die Gegensätze ins Gesicht. Draußen zerfurchte, verbuckelte, zum Teil erschreckend stumpfgesichtige Gestalten, im Eingang eine finstere Männerrunde, aus der wir mißtrauisch angestarrt werden. Drinnen Gedecke unter folkloristischer Dekoration. Hier können nur die Durchreisenden, die Städter, vielleicht die Ortsbürokraten essen.
Weiter geht es, an ein zwei grauen Hüttenansammlungen vorbei. Dann zeigt ein Schild am Rande der Straße an, daß das Gebiet der „Leninskaja Iskra“ beginnt. Eine andere Welt! Die Holzhäuser unter frischer Farbe. An den Toren und Wänden prächtige, individuell und künstlerisch gestaltete Wandmalereien. Daneben geradezu schmucke Steinhäuschen, die versuchen, sich in die traditionelle Ästhetik der Holzhäuser einzufügen. Was bis zur Sowchosgrenze Verfall war, ist hier gepflegte Tradition!
Er sähe keinen Grund, etwas zu ändern, antwortete Arkadi Aidak verdrießlich auf die Frage nach Perestroika auf dem Lande, speziell nach Ansätzen zu einer neuen Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Landarbeiter in gut geführten Sowchosen kämen zurecht, wie ich ja selbst sehen könne. Man habe eine eigene Schule, einen Kindergarten, eine Kantine, alles sauber, gepflegt, geräumig, sogar ein eigenes Kulturzentrum. Über die Bedingungen jenseits der Grenzen der Sowchose könne er nichts sagen und wenn die Arbeiter der Städte Verbesserungen wollten, müsse die Initiative von ihnen ausgehen. Sie seien die führende Klasse.
Die Bauern hätten genügend schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit gemacht. Diese Aussage wiederholt er mindestens dreimal. Nach dem dritten Mal klingt sie schon wie aus der Pistole geschossen.

Autor
Der Rock der Bauern, mindestens seiner Sowchosniks, ist Arkadi Aidak offensichtlich näher als das Hemd der Städter, selbst als das der übrigen Landarbeiter. Lieber hortet eine Mustersowchose, in der das Lebensniveau mit ca. 400 Rubeln pro Monat plus Prämien weit über dem ländlichen wie auch städtischen Durchschnitt liegt, ihre Produkte, lieber läßt sie eine Rekordernte auf den Feldern vergammeln, als aus reiner Solidarität für die Neuregelung der Eigentumsverhältnisse einzutreten und Versorgungslücken in den Städten zu ihrem Nachteil zu stopfen.
Die Landarbeiter sind keine Bauern, sondern landwirtschaftliche Fließbandarbeiter. Sie interessieren sich nicht für das Produkt ihrer Arbeit, soweit es über ihre Teilarbeit als Traktorist, als Melkmaschinist oder Erntearbeiter hinausgeht. Sie lassen die Kartoffel fallen, wenn die Uhr Feierabend zeigt. Alles andere ist nicht ihre Sache. Ihre Liebe gilt bestenfalls den Produkten, die sie privat hochziehen und zu überhöhtem Preis in der unterversorgten Stadt anbieten können.
Die Verschärfung dieses Interessengegensatz scheint unausweichlich.
Zu Zeiten des „Kommandosystems“ verdeckte der „Subbotnik“, der einmal wöchentliche, für Studenten und Schüler ein oder zweimal jährlich ganze Wochen umfassende Ernteeinsatz, die tiefe Kluft zwischen Stadt und Land. Zu Revolutionszeiten freiwillig, war er schon unter Stalin zum zwangsweisen Einsatz verkommen. Heute ist er als Zwangsarbeit in menschenunwürdigen Lagern und kasernenartigen Unterkünften verhaßt. Nach Gorbatschows Aufkündigung des Kommandosystems muß die Regierung sich auf Apelle verlegen. Tag für Tag füllten im September und Oktober Horrorsendungen über die liegenbleibende Ernte das abendliche TV-Programm. Aber die Stadtbevölkerung verweigert die Einsätze, schaltet die Sendungen ab. Neue Anreize für die verhaßte Arbeit der Landarbeitsbrigaden sind nicht entwickelt.

Sprecher
In Leningrad standen Kartoffeln am September bereits auf der Liste der Defizitwaren der staatlichen Läden. Zwei bis drei Rubel kostete das Kilo auf dem Kolchosmarkt. Noch Ende Oktober lagen die Kartoffeln tonnenweise uneingebracht auf den riesigen Kolchosfeldern. Durch Zufall stieß ich bei einer Fahrt über Land auf solch ein Feld. Auf Nachfragen erfuhr ich, daß Bürgermeister Sabtschak zwei Wochen zuvor, Mitte Oktober, einen Ukas, d.h. eine bürgermeisterliche Verordnung, erlassen und über TV verkündet hatte, nach dem es nicht nur allen Bürgern und Bürgerinnen Leningrads gestattet sei, sondern sie geradezu aufgefordert wurden, sich die Kartoffeln selbst von den Feldern zu holen.
Freunden, die bitter über die Kartoffelpreise und das für den Winter zu erwartende Versorgungsloch klagten. erzählte ich von meiner Entdeckung. Sie wollten mir nicht glauben. Von Sabtschaks Ukas wußten sie nichts. Zu viele Ukase muß man in letzter Zeit hören! Ich mußte ihnen erst Beweise liefern, bevor sie sich entschließen konten, hinauszufahren.
Sie kamen zu spät. Bevor sie es sich einrichten konnten, war der erste Frost eingetreten. Für Menschen ohne eigenes Auto war blieb Sabtaschaks Ukas ohenin ohne Belang.

Autor
So entpuppt sich der von Olga beschriebene Milchboykott bei näherem Zusehen als Ausdruck einer Dezentralisierung, die sich z. Zt. als Zerfall der staatliche Organisation der Produktion und der staaatlich gelenkten priviligierten Belieferungswege, im besonderen der privilegierten Belieferung der Städte durch das Land, und – auf die Union bezogen – Moskaus durch die Republiken vollzieht. Die staatlichen Wege der Zuteilung, die nach einem abgestuften System der Privilegien vorgenommen wurden, funktionieren nicht mehr, private, die den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgen, noch nicht, bzw. – wie man in der UdSSR sagt, zu polnischen Preisen, d.h. unbezahlbar für die Durchschnittsbürger. Es ist die Stunde der Anarchie. Der Zusammenbruch der bisherigen Versorgungswege führt zu grotesken Situationen im Alltag.

Lena
Lena S. arbeitet als Komputerspezialistin in einem Elektronikbetrieb, der – wie jeder Betrieb in der UdSSR – seine Belegschaft über seinen eigenen Betriebsverteiler mit Angebote versorgt, die am Thresen der Betriebskantine ausgegeben werden. Heute gibt es eingemachte Gurken, süße Torten, in der nächsten Woche Zucker oder Reis, je nachdem welche Verbindungen die Betriebsleitung gerade knüpfen konnte. „Neulich haben sie uns“, erzählt Lena, halb lachend, halb weinend, „Bügeleisen, letzte Woche Kaffemühlen angeboten. Bügeleisen gibt es das drittemal, Kaffeemühlen das zweite Mal in diesem Jahr. Manche nehmen gleich zwei, drei oder sogar vier. Weiß man, ob man es morgen noch bekommt? Natürlich habe ich auch gekauft, obwohl ich schon zwei Eisen und auch eine Kaffemühle zu hause stehen habe. Man kauft, was es gibt, auch wenn man es nicht braucht, um es anschließend über Freunde und Bekannte unter der Hand weiter zu tauschen.“

Autor
Lena deckte auch das Geheimnis der sowjetischen Ökonomie auf, über das der Volksmund als „russisches Paradoxon“ seine bitteren Scherze macht, nämlich die Frage, wie leere Läden immer wieder zu vollen Tischen führen können. „Gibt es einen Anlaß zum Feiern“, erzählte sie, „und den finden wir immer, dann sind die Tische gedeckt.“ „Swjo jest“, alles sei da. „Blat“, Beziehungen, erkläre sicher einiges. Inzwischen hätten sich aber, so Lena in meinen Worten, regelrechte Hilsgemeinschaften auf Gegenseitigkeit entwickelt, die sich beim weitläufigen Abkämmen des Angebots in verschiedenen Teilen der Stadt, eingeschlossen der Schrebergartenkolonien und umgebenden Landwirtschafstbetriebe systematisch unterstützten.

Lena
„Daraus besteht zur Zeit unser Leben“, seufzt Lena. Wo soll das hinführen? Wenn es 1917, 18, 19 so war, dann war das o.k. Da war die Revolution. Aber heute? Was ist das? Immer noch Revolution? Nein, so kann man nicht leben. Wir sind müde. Das muß endlich aufhören. Schließlich arbeiten wir. Aber wofür? Wo bleiben die Waren? Wo bleibt die versprochene Verbesserung des Lebensstanddards? Wo sitzen die Leute, die von diesen Verhältnissen heute profitieren?“

Autor
Kartoffelmangel vor unabgeernteten Feldern! Defizit vor leerem Kühlschrank! Drohender Energiemangel im rohstoffreichsten Land der Welt! Hunger nach einer Rekordernte! Dies kennzeichnet die Art des Elends in der UdSSR im Gegensatz zur blanken Existenznot in Ländern der sog. 3. Welt: Die UdSSR, einer der entwickeltsten Industriestaaten der Welt ist 1990 auf das Niveau des Naturaltausches heruntergesunken, in der das Überleben eine Frage der Improvisationsfähigkeit ist. Was Fortschritt sein sollte, staatliche Versorgung, verwandelt sich in eine Quelle der Not. Dies ist nicht nur die Stunde der Anarchie, sondern auch der vielbeschworenen Mafia.

Aber was ist die Mafia? Wem nützt die gegenwärtige Entwicklung? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage stieß ich zunächst auf Oxana Dimitriwa, Ökonomin und Soziologin vom finanzwirtschaftlichen Institut in Leningrad. Aus ihrem Munde hörte ich zum erstenmal das Wort vom Positionswechsel der Macht.
Oxana Dimitriwa
Noch im letzten Jahr war Oxana Dimitriwa eine begeisterte Anhängerin der Perestroika. Jetzt sieht sie sich mit der Tatsache konfrontiert, daß überall an den Spitzen der neuen Unternehmen, insbesondere in den Joint-Ventures, ehemalige Parteifunktionäre wieder hochkomen, nachdem sie in den Wahlen zum Obersten Sowjet 1989, spätestens aber in den Kommunalwahlen im Frühjahr 1990 im politischen Abseits gelandet und zeitweilig aus der Öffentlichkeit abgetaucht gewesen seien.
Von Oxana Dimitriwa kann man auch erfahren, daß Mitglieder der Nomenklatura, ranghohe Kommunisten und Funktionäre heute eifriger als alle anderen für die Privatisierung von Staatseigentum und die Legalisierung von Privateigentum an Produktionsmitteln eintreten, auf unteren Verwaltungsebenen aktiv für die Überführung bisheriger Staatsbetriebe in Privathand tätig sind, während sie gleichzeitig eine intensive Propaganda gegen die „neuen Millionäre“ aus der Kooperativbewegung unterstützten, bzw. selber entfachen.
Die Nomenklatura habe die letzten fünf Jahre benutzt, um sich selbst, ihre Kinder oder ihre Vertrauenspersonen an die ökonomischen Schaltstellen der neuen Privatunternehmen zu manövrieren. Mit ihrem politischen Eintreten für die Privatisierung schaffe sie sich zugleich eine neue ideologische Legitimation, während sie praktisch die Entstehung einer neuen Schicht von Unternehmern aus der Kooperativbewegung mit allen Mitteln behindere. Abgesehen von ihrer demagogischen Propaganda gegen die „Volksschädlinge“, nutze sie dabei auch schamlos alle ihr noch zur Verfügung stehenden bürokratischen Tricks von der Steuergesetzgebung, über Zulassungsverweigerungen bis hin zu gerichtlichen Repressionen gegen Kooperativenmitglieder.
Auf diese Weise sei es ihr schließlich gelungen, ihre Position als Führer der neuen ökonomischen Macht im Verlauf der fünf Jahre Perestroika konkurrenzlos durchzusetzen. Die aus den Wahlen hervorgegangene „neue Macht“, meist Mitglieder der Inteligenz, einschließlich der wenigen „neuen Millionäre“ der Kooperativbewegung, hätten überhaupt keine Chance, sich zu einer eigenen sozialen Kraft zu entwickeln, sondern würden in die Halblegalität abgedrängt. Inzwischen sei der Formwechsel der alten Macht unter Heranziehung von Aufsteigern der neuen weitgehend vollzogen. Eine neue Phase der Perestroika werde beginnen.

Autor
Dies erzählte mir Oxana Dimitriwa Anfang September. Gewisse Erscheinungen im politischen Alltag Leningrads, Tallins und Tscheboksarie, die ich selbst danach beobachten konnte, fügten dem eine Reihe von Details hinzu, die bestätigen, daß Perestroika dem Wesen nach nichts anderes ist als die Rundumerneuerung der alten herrschenden Schicht, die die verbrauchte Herrschaftslegitimation ihres „Marxismus Leninismus“ gegen eine den neuen Verhältnissen angepaßte, technokratische Manager-Ideologie ausgetauscht, ihre Führungskader gewechselt und den Machtapparat effektiviert hat, während die Bevölkerung die Last dieses Umbaus zu tragen hat.
Verschiedene Formen der im Lande viel diskutierten „neuen Korruption“ – überhöhte Gehälter der Abgeordneten, neue Dienstwagen, Hotelsuiten für die Provinzdeputierten in den besten Häusern Moskaus, Vorzugswohnungen, Auslandsreisen uä. – erweisen sich bei näherem Hinsehen als Produkt dieser Rundumerneuerung, mit der die „alte Macht“ sich die neuen Leute einverleibt. Nicht mehr und nicht weniger. In Moskau geht das böse Gerücht, die Anhänger Gorbatschows im Allunionssowjet könnten schon deswegen nicht für eine Einschränkung der Unionsvollmachten stimmen, da sie damit ihre Unterbringung im „Moskwa“, dem besten Hotel der Stadt, gefährden würden. Abgeordnete der russischen Republik müssen nämlich mit dem Hotel „Rossija“, dem zweitbesten am Platz vorliebnehmen.
Die „neue“, die „demokratische Macht“ dagegen ist selbst in Städten wie Leningrad und Moskau, wo sie die Mehrheit stellt, ohne tatsächliche exekutive Möglichkeiten. Ohne Zustimmung der alten Garde vermag sie überhaupt nichts in Alltagspolitik umzusetzen, sondern erschöpft sich im guten Willen.
Hören wir Sophia Werschinina aus Leningrad, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Röntgologischen Institut und grüne Abgeordnete des Stadtparlaments von Seststrorjezk, einem Vorort Leningrads.

Sophia Werschinina
Seit Gorbatschow mit der Verkündung der Perestroika auch ökologische Zeichen setzte, hat sich im Röntgologischen Institut, einer, wie man in der UdSSR sagt, allunionischen Institution, also einem Projekt der zentralen Moskauer Behörden, in Cestrorjezk eine grüne Zelle gebildet. Mit eigener Zeitung, Protesten in Leningrad, Eingaben an den alten und den jetzigen neuen Sowjet in Sesterojetzk selbst, aber auch im Stadtsowjet von Leningrad, führt die Gruppe, inzwischen auch vereint mit der „Grünen Bewegung Leningrads“, einen erbitterten Kampf gegen die nach ihren Untersuchungen das Leben der Stadt bedrohenden krebserregenden Schadstoffe des Rönthgologischen Zentrums in Cestrorjezk. Isotopenhaltige Abwässser werden aus den Anlagen des Zentrums in die umliegenden Be- und Entwässerungssysteme entlassen und gelangen so in den Trinkwasserkreislauf der Stadt. Seit der Fertigstellung des sog. Dammes vor der Mündung der Newa, der die Stadt vor Überschwemmungen bewahren soll, erhöhe sich die Konzentration der Schadstoffe alarmierend.
Obwohl den Argumenten nichts entgegengesetzt werden kann, Ortssowjet und Stadtsowjet sich im Gegenteil sogar mit der grünen Kritik schmücken, geschieht in der Praxis so gut wie nichts. Gründe gibt es viele: Das Gelände des Röntgologischen Instituts liegt in einem, die Wasserwege, um die es geht, in mehreren anderen Bezirken Leningrads, bzw. auch Regierungsbezirken der russischen Republik. Eine horizontale Zusammenarbeit der Bürokratien kommt nicht zustande. Es gibt keine gemeinsame gesetzliche Grundlage, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen politischen Zusammensetzungen der verschiedenen örtlichen Sowjets. In einigen hat die „neue Macht“ das Rathaus übernommen. In anderen herrschen die alten Strukturen.
Aber selbst, wo die „neue Macht“, wie in Sestrorjezk selbst in der Person von Alfred Koch, einem dynamischen jungen Technokraten, die Leninbilder abgehängt hat und energisch nach neuen Wegen sucht, geschieht in diesen Fragen nichts. Die ökonomische Sanierung des Bezirks hat Priorität und das Röntgologische Zentrum bringt Geld. „Was soll ich machen?“, erklärt Alfred Koch hintergründig, „Entscheidungen über das Institut fallen immer noch in Moskau.“ Dies aus dem Munde der „neuen Macht“ grenzt bereits an Verhöhnung der noch viel neueren Demokratie.

Autor
In Moskau empfing mich Boris Kagarlitzky, Kopf der im Juni ’90 gegründeten „Sozialistischen Partei“ und für sie im Moskauer Sowjet, mit der schockierenden Mitteilung, die Moskauer Exekutive unter ihrem neuen demokratischen Bürgermeister Popow wolle zunächst die Bezirkssowjets, später auch den MOSSOWJET wegen Ineffektivität auf dem Wege einer Gebietsreform liquidieren. darauf könnten sich die demokratischen Kräfte selbstverständlich nicht einlassen, wenn nicht gleichzeitig Neuwahlen für die neuzubildenden Bezirke durchgeführt würden. Die materielle Grundlage für das Verlangen Popows jedoch, die mangelnde Effektivität der neuen Sowjets und neuen Bezirksverwaltungen nämlich, konnte und wollte auch Boris Kagarlitzky nicht dementieren.
Was für Leningrad, selbst für den Moskauer Stadtsowjet im Kleinen, das gilt für die Union im Großen: die „neue Macht“, also letztlich Gorbatschow, verfügt über so gut wie keine exekutiven Möglichkeiten. Die Frage, wem die jetzigen Privatisierungsprogramme, sei es in der radikalen Form Jelzins, sei es in der abgewandelten Form Gorbatschows, unter solchen Umständen nützen, ist vollkommen eindeutig: es ist die rundumerneuerte alte herrschende Schicht. Niemand anders kann unter den gegebenen Umständen den Nutzen aus der Privatisierung des Staatseigentums ziehen. Niemand anders ist unter den gegebenen Umständen in der Lage, aus dem Stand – und darum geht es ja, wenn man Jelzins 500 Tage oder Gorbatschows Notstandsprogramm ernst nehmen will – ein finanzkräftiges Privatunternehmen aufzuziehen. Einzig die alte und neue Mafia kann mithalten. Sie wird ihre erpreßten und zusammengeraubten Vermögen kapitalisieren. Die nach fünf Jahren Hinhaltepolitik weit abgeschlagenen Konkurrenten einer möglichen neuen Unternehmerschicht, die aus der Kooperativbewegung hätte entstehen können, hat auch in der neuen Phase der Perestroika keine Chance.
Man muß den radikaldemokratischen Kritikern zustimmen, daß die Privatisierungs-Programme, in welcher Mischung auch immer, in keiner Weise dazu geeignet sind, die soziale Krise, d.h. die durch die Perestroika verschärfte soziale Ungleichkheit zu lösen. Im Gegenteil, sie werden sie weiter verschärfen, indem sie das bisherige Staatseigentum jetzt in die private Verfügungsgewalt einzelner Mitglieder der früheren Nomenklatura legen – und damit den Rest der sozialen Verantwortung, den diese Schicht in ihrer früheren Form noch tragen mußte, auch noch beseitigen. Damit wird die Bevölkerung den nach wie vor existierenden Monopolen vollkommen ausgeliefert – denn weder ökonomisch, noch politisch hat sich bisher eine Konkurrenz entwickelt, die die frisch legitimierten Privatbesitzer kontrollieren könnte. Ein soziales Netz, den europäischen auch nur annähernd vergleichbar, in dem die Millionen zukünftigen Wohnungslosen, Rentner usw. versorgt werden könnten, ist nicht entwickelt. Was da zu entstehen droht, ist Raubkapitalismus auf unterster Stufe.

Pjotr Fidossow, als Mitarbeiter des Instituts für Gesellschaftswissenschaften der KPddSU am Lehrstuhl für Sozialpsychologie, der sich unter schweren Bedenken selbst zur Einführung des Marktes als einzigem gangbaren Weg bekennt, sicherlich des linken Extremismus unverdächtig, redet nicht drumherum, was die geplante Privatisierung unter diesen Umständen heißt:

Pjotr Fidsossow (Einspielung vom Band – B-15ff – für den Anfang möglich)
„Die Frage ist natürlich auch, wie privatisieren? Kaufen? Dann kauft natürlich derjenige, der zwei Millionen zusammengestohlen hat. Dann wird er ein legaler Unternehmer. Sehr viele Großunternehmen sind ja so entstanden, im sechzehnten Jahrhundert. Der Kapitalismus, die Marktwirtschaft, die hier eingeführt wird, wird nicht zivilisiert sein. Da liegt ja die größte Illusion unserer „Westler“, der Sapadnikis“. Sie sagen, im Westen gibt es den zivilisierten Kapitalismus, den sie verschönern und idealisieren, der ihnen viel schöner zu sein scheint als er ist, weil sie meistens nur eine Seite sehen. Sie glauben, so wird unserer auch sein. Quatsch! Das werden Raubtiere sein! Haifische! Ein Kapitalismus wie im 17. Jahrhundert! Es besteht eine große Gefahr, daß das neue, sagen wir mal, das ehrliche Kapital, das entstehen soll oder entstehen kann, in einer unwahrscheinlichen Streßsituation sein wird durch dieses größere Kapital. Denn wenn Eigentümer auf den Markt müssen und wenn ein Markt her muß, wenn die Unternehmertätigkeit voll legalisiert ist und der Privatisierungsweg gegangen wird, werden sie nicht verhindern können, daß die Schattenvermögen diesen Weg mitmarschieren oder sie werden so viele admistrative Kontrollorgane einsetzen müssen, daß überhaupt keine Unternehmertätigkeit möglich sein wird. Einen dritten Weg, auch wenn ich ihn mir selber wünschen würde, halte ich zur Zeit nicht für möglich. Den kann ich mir eher so vorstellen, daß, sagen wir, – ich werde das jetzt bewußt sehr einfach und auch provozierend formulieren, sodaß Ihr theoretischer Sinn sich empören wird – der Sozialist Gorbatschow versuchen muß, ein bißchen sozialistische Aufsicht zu üben über die Kapitalisierung im Lande.“
Autor Über die Stimmung im Lande gibt sich Pjotr Fidossow als Sozialpsychologe, dessen Spezialgebiet die Untersuchung von Arbeitskämpfen und sozialen Protesten ist, ebenfalls keiner Illusion hin.
Pjotr Fidossow
Es gibt im 18. Brumaire eine wunderschöne Passage von Karl Marx, wo er sagt, der Spießbürger meint, lieber ein schreckliches Ende als ein Schrecken ohne Ende. Ich habe das Gefühl, daß die Stimmung bei vielen Menschen hierzulande vorhanden ist. Nicht nur bei den, sagen wir, einfachen Leuten. Das ist ein gemeines Wort, aber es ist eine Tatsache, daß es hierzulande in unserer Gesellschaft eine ziemliche Kluft gibt zwischen der akademisch-intellektuellen Elite auf der einen Seite und der großen Masse auf der anderen Seite. Ich bin zum Beispiel der Meinung, daß in Moskau das eigentliche Volk noch gar nicht zu Wort gekommen ist. Die zwei großen Demonstrationen in Moskau waren immer noch Demonstrationen der intellektuellen Elite. Unten, glaube ich, würden die Menschen sofort zustimmen, wenn morgen eine `starke Hand‘ kommen und sagen würde, also jetz die Spekulanten hinters Gitterchen, Schluß mit dem Gerede, Läden füllen, woher immer – und alles muß arbeiten! Die nationalen Revolten unterdrücken, die Flüchtlinge nach Hause schicken und dort, wo gemeutert wird, Panzer aufstellen. Man würde sofort zustimmen, nehme ich an, jedenfalls viele. Mit bestimmten Artikeln kann man hier sicher nicht arbeiten. Aber viele würden zustimmen. Und bei Teilen der, sagen wir mal, akademischen Schichten, besteht ebenfalls zwar nicht unbedingt der Wunsch, – obwohl bei einigen auch der Wunsch besteht – aber das Gefühl, eine Runde der Perestroika sei zuende.“
Autor
Die radikale Systemopposition setzt auf Agitation gegen den „wilden Kapitalismus“, der die soziale Differenzierung im Lande schnell und drastisch verschärfen werde. „Das 500 Tage-Programm“, erklärte mir Boris Kagarlitzky, „wird in 100 Tagen so verhaßt sein, wie der Kommunismus nach 70 Jahren.“  Dies ist zweifellos eine begründete Erwartung. Fatal nur, daß die Konservativen, ja sogar die äußersten Rechten der berüchtigten „Pamjat“-Bewegung mit derselben Parole auf die Straße, vor die Betriebe und in die Büros ziehen. Sie haben den Linken, zu deren Schrecken, sogar schon Bündnisse angeboten.

Ob Gorbatschows Notstandskurs geeignet ist, neues Vertrauen in der Bevölkerung zu schaffen und dem Zerfall der UdSSR Einhalt zu Gebieten ist fraglich. Ich fürchte eher, daß er den Zerfall beschleunigt.

———————————-

Von 1989 bis 2004 hat Kai Ehlers ca. 100 Radiofeatures und 1500 Gespräche zur Frage der nachsowjetischen Entwicklung in Russland und deren lokelen und globalen Folgen erstellt. (etwa 2500 Stunden)

Dieser Beitrag wurde unter Kai Ehlers Archiv veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *